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Wien, am 28.09.2004

Offener Brief an Peter Michael Lingens

Herrn
Peter Michael Lingens
profil, Hainburger Straße 33, A–1030 Wien


Wien, 28. September 2004


Offener Brief an Herrn Peter Michael Lingens


Sehr geehrter Herr Lingens!

In der Zeitschrift ?profil? vom 27.9.2004 sprechen Sie sich für höhere Steuern auf Grund und Boden aus. Sie erhoffen sich dadurch mehr Wirtschaftswachstum und mehr Geld für Umverteilung.
Dabei werfen Sie die Waldbesitzer in den gleichen Topf mit Versicherungsgiganten und Realitätenspekulanten sowie Superreichen, die Sie härter besteuern wollen. Wörtlich sagen Sie: "Der wirtschaftliche Nutzen liegt auf der Hand: Die Kirche, der Bund und ein paar Fürsten etwa müssten ihre Forste effizienter bewirtschaften, um die höheren Steuern bezahlen zu können; ein paar Familien, die Villen in alten Gärten, aber kein Geld mehr besitzen, müssten verkaufen."

Namens der Land– und Forstbetriebe Österreich wollen wir dazu folgendes feststellen:

Geringe Einnahmen
Sie haben Recht, dass die Forstbetriebe geringe Einnahmen haben:
Die Forstbetriebe mussten in den letzten Jahren starke Einbrüche bei den Holzpreisen verkraften. Vor wenigen Jahren (1989) konnte für das Sägeholz noch ein Erlös von rund 90 ? pro Festmeter erzielt werden. Heute liegt dieser Erlös nur mehr bei 68 ?. ?"hnlich ist die Situation beim Industrieholz, wo ein Rückgang von 44 ? auf heute 27,5 ? verzeichnet werden muss. Das liegt vor allem daran, dass Holz als unsere Haupteinnahmequelle streng nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit genutzt wird, und ohne irgendwelche Subventionen zu Weltmarktpreisen verkauft werden muss.

Effiziente Forstwirtschaft
Sie irren, wenn Sie denken, dass die Forstbetriebe nicht effizient wirtschaften:
a) Trotz schwieriger Rahmenbedingungen erwirtschaften die ästerreichischen Forstbetriebe einen Gewinn von rund 2–3 Euro pro Festmeter.
b) In der Schweiz muss die öffentliche Hand bis zu 30 Euro pro Festmeter zuschießen.
c) Auch die deutschen Staatsforstbetriebe schreiben in der Holzproduktion hohe Verluste.
d) Erfolgreich waren die Anstrengungen zur Kostenreduktion in Österreich: Minus 10 Prozent in den letzten 10 Jahren. Unter Einrechnung der Inflation sind dies über 25 Prozent ? das ist eine enorme Produktivitätssteigerung.

Wirtschaftsfaktor Holz
Sie vergessen, dass die ästerreichische Forstwirtschaft aufgrund der steilen Berghänge im europäischen Vergleich mit großen Kostennachteilen zu kämpfen hat:
Gebirgsforstbetriebe müssen mit Holzerntekosten von rund 25 Euro pro Festmeter rechnen. Im flachen Skandinavien liegen diese bei rund 12 Euro.
Dennoch zählen Holz und Holzprodukte zu den wichtigsten Stützen der ästerreichischen Handelsbilanz. Diese konnten im Jahr 2003 einen Gesamtüberschuss von 3,12 Milliarden Euro erwirtschaften.

Folgt man Ihrem exzessiven neobliberalen Kapitalismus im Bereich der Waldwirtschaft, so hat dieses mehr an ?Effizienz? massive negative Folgen für unsere Bevölkerung und das äkologische Gleichgewicht unserer Wälder. Das ist anhand konkreter Beispiele leicht darzustellen:

Lingens gegen Schutzwaldpflege?
Ihr Forstbetrieb darf nur noch die ertragreichsten Standorte bewirtschaften. Damit sind viele Steilhänge dem Verfall preisgegeben und die Schutzwälder können ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen. Sie, Herr Lingens, würden die meisten Alpentäler schutzlos lassen, oder ohne Waldwirtschaft eben viel teurere Lawinenverbauten – aus Steuergeldern!!! – errichten. Ein Hektar technischer Lawinenschutz kostet durchschnittlich 220.000 ? (Quelle: Forsttechnischer Dienst für Wildbach– und Lawinenverbauung).

Provoziert Lingens Großkahlhiebe?
Der Lingens–Forst darf nur die ?effizienteste? Nutzungsform wählen, also ohne teuren Straßenbau ganze Hänge mit Großkahlschlägen niedermachen.
Unsere Betriebe leisten sich den "Luxus" der naturnahen Waldwirtschaft mit kleinflächigen, aber eben naturverträglichen, Nutzungen mit einem guten Wegenetz. Für diese ? zugegeben teure ? Form der äkologischen Waldwirtschaft werden die Forstbetriebe von Ihnen zynisch verhöhnt: Sollen sie eben verkaufen, wenn sie das Geschäft nicht verstehen und zu wenig ?Kohle? machen.

Will Lingens Plantagen und Gentech–Holz?
Ihr Effizienzmodell führt geradewegs in die Holzplantage, weil diese eben das profitabelste Wirtschaften im Wald ermöglicht. Damit sind Sie ein Gegner der Biodiversität und des Artenschutzes. Wir Forstbetriebe haben seit Jahrzehnten einen anderen Weg eingeschlagen. Nach einer Studie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ("Hemerobie ästerreichischer Waldäko–Systeme" 1997) sind – trotz jahrhunderte langer Bewirtschaftung ?2/3 der ästerreichischen Wälder naturnah. Die Daten der jüngsten Waldinventur (österr. Waldinventur 2000/2002) zeigen, dass gegenüber der vorhergegangenen Inventur (ÖFI 1992/96) die mit Misch– und Laubholzbeständen bestockte Fläche um 87.000 ha zugenommen hat. Ebenfalls aus der jüngsten Waldinventur geht hervor, dass 72 Prozent der jungen Bäume aus Naturverjüngung hervorgegangen sind.
In den profitablen Lingens Plantagenforsten wird natürlich gedüngt, massiv Chemie eingesetzt und gentechnisch verändertes Pflanzenmaterial verwendet. Ob das Österreich ? außer Ihnen ? will?

Möchte Lingens Wälder zusperren?
Ihre Philosophie von der Geldmaximierung im Forst führt zur Aussperrung der Bevölkerung aus dem Wald, weil das Besuchermanagement Geld kostet. Unsere Bewirtschaftung hingegen nimmt auf die Erholungssuchenden Rücksicht, und wir stimmen unsere Nutzungen auf die Besucher ab.
Da Sie aber ohnehin für Plantagenforste sind, stellt Besuchermanagement mangels Betretungsmöglichkeit ? Plantagen sind regelmäßig eingezäunt – bei Lingens kein Problem dar.


Gefährdet Lingens ästerreichische Kulturgüter?
Wie unbedacht Ihr ?solln sie eben verkaufen? ist, zeigt sich gerade an den Gebäuden der von Ihnen zitierten ?Fürsten? und ?der Kirche?. Der Wald erhält fast alle wesentlichen Kulturdenkmäler in diesem Land: Von Schlössern, über Burgen bis hin zu Kirchen und Stiften. Subventionen vom Staat gibt?s praktisch keine. Wollen Sie diese Gebäude gleich mitverscherbeln? An wen: Ölscheichs oder Computermillionäre?
Oder sollen wir die Kulturdenkmäler zu Vergnügungsparks und Parkgaragen umfunktionieren, damit sie maximalen Gewinn erwirtschaften? Eine Alternative bestünde auch im Verfallenlassen der unrentablen historischen Bauten, wie es etwa 1572 durch die so genannte ?Dachsteuer? (Steuer auf Dachflächen und ihre katastrophalen Folgen: www.burgen–austria.com) geschah. Um mit Bruno Kreisky zu sprechen: Lernen Sie Geschichte, Herr Redakteur.

Die ästerreichische Bevölkerung profitiert in einem enormen Ausmaß von der derzeitigen Form der Waldbewirtschaftung: Weil Leistungen wie Schutz vor Naturgefahren, sauberes Wasser, naturnahe Lebensräume, Erholungsgebiete, die Produktion nachhaltiger Rohstoffe und der Erhalt historischer Bauten von den Forstbetrieben erbracht werden. Diese Betriebe nehmen dafür geringere Erträge in Kauf. Es ist ein nicht zu überbietender Zynismus, gepaart mit völliger Unkenntnis der Zusammenhänge, dass Sie, Herr Lingens, die derzeitigen Eigentümer mit Ihren krassen Steuerphilosophien verjagen, und gleichzeitig deren Leistungen für die ästerreichische Bevölkerung dem Turbokapitalismus opfern wollen.

Sollten Sie im Sinne der journalistischen Sorgfalt Interesse an unserer Arbeit haben, laden wir Sie herzlich zu einer ausführlichen Exkursion in unsere Betriebe ein.

Freundliche Grüße


DI Stefan Schenker Dr. Christian Brawenz
Präsident HVLF Generalsekretär HVLF

Rückfragehinweis:
Kristin Dawes, Presse & Kommunikation,
Hauptverband der Land– und Forstwirtschaftsbetriebe Österreichs (HVLF)
Tel. 01/533 02 27–17, e–mail: dawes@hvlf.at


 
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